Führen aus der Ferne
wie erkenne ich mentalgesundheitliche Warnsignale meiner Mitarbeitenden auch im Homeoffice - wann wird es kritisch?
von Dr. Mareike Pfaff
Zwischen Wäsche, WhatsApp und Workload
Mal eben schnell zwischendurch die Wäsche waschen, private Mails checken, noch ein, zwei WhatsApp-Nachrichten beantworten, dann das Mittagessen für die Kinder zubereiten – und pünktlich zum nächsten Teams-Meeting sofort wieder in den Büro-Modus wechseln. Kommt Ihnen das bekannt vor? Natürlich, denn es beschreibt einen ganz typischen Büro-Alltag vieler Angestellter. Das Arbeiten aus dem Homeoffice hat sich mittlerweile stark in Unternehmen etabliert. Zugegeben, es ist praktisch, und lässt Familie und Arbeit gut vereinen.
Aber was passiert, wenn die Grenzen verschwimmen? Spät abends - wenn der Rest der Familie im Bett ist - noch die letzten Mails bearbeiten, damit man am nächsten Morgen „sauber“ in den neuen Bürotag starten kann. Auf der Couch oder am Esstisch mal nebenbei den Chef via Sprachnachricht informieren, dass für das morgige Meeting alles steht. Und vielleicht auch noch schnell den Plan für die nächsten Tage durchgehen: „Oh nein, nicht schon wieder so viele Meetings mit der Ursula – die kaut ja einem das Ohr ab“. Dann ab ins Bett – und am nächsten Tag geht das Ganze wieder von vorn los.
Am liebsten möchte man diese Person schütteln und „Halt! Stop! Wach auf!“ rufen, bevor es eskaliert. Doch oft ist der oder die Angestellte bereits auf bestem Weg in die Welt der digitalen Isolation, woraus sich nach einiger Zeit eine (auch wenn nicht auf den ersten Blick erkennbare) psychische Störung entwickeln kann. Denn: Menschen können lange nach außen hin funktionieren, obwohl es ihnen innerlich längst nicht mehr gut geht. Wie erkenne ich eine psychische Belastung in meinem Team im Home Office? Belastungen können sich sowohl durch Änderungen im Verhalten oder Wesensveränderungen (direkt) als auch indirekt z.B. durch häufige Krankheitsanfälligkeit bemerkbar machen.
Hier sind die typischen ersten Warnzeichen, auf die Sie als Führungskraft unbedingt achten sollen:
Verhaltensbezogene Warnsignale
Rückzug und Isolation: Mitarbeitende schalten in Videokonferenzen die Kamera aus, beteiligen sich weniger an Chats oder antworten nur kurz angebunden.
Schlechterer Arbeitsstil: Projekte werden unstrukturiert angegangen, Fristen versäumt und es passieren oft Fehler
Unübliche Arbeitszeiten: Mails werden konstant spät abends, am Wochenende oder während der Mittagspause gesendet.
Sinkende Leistung & Motivation: Der übliche Antrieb fehlt, Aufgaben werden lustlos erledigt, die Konzentrationsfähigkeit sinkt.
Irritierbarkeit: Mitarbeitende reagieren in Telefonaten oder Nachrichten empfindlicher oder gereizter als gewöhnlich.
Körperliche und emotionale Anzeichen
Erschöpfung: Häufige Erwähnung von Müdigkeit oder Anzeichen von Burnout, z.B. das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen.
Krankheitsanfälligkeit: Häufigere kurzfristige Krankmeldungen (Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Erkältung etc.).
Stimmungsschwankungen: Niedergeschlagenheit oder auffällige innere Unruhe in persönlichen Gesprächen.
Nach dem Erkennen kommt es nun auf die richtige Reaktion an. Was können Sie tun, um Ihrem Mitarbeitenden einen Schubs in die richtige Richtung zu geben? Gerade in der digitalen Arbeitswelt ist das schwierig. Forschungsarbeiten betonen, dass Führung auf Distanz eine bewusstere, beziehungsorientierte Beobachtung erfordert. Regelmäßige, niedrigschwellige Check-ins, klare Kommunikation und psychologische Sicherheit sind zentrale Hebel, um frühe Warnzeichen wahrzunehmen und rechtzeitig zu reagieren. Hier zusammengefasst mögliche erste Maßnahmen, die Sie ergreifen können:
Maßnahmen für Führungskräfte
- Regelmäßige Check-ins: Führen Sie 1-zu-1-Gespräche, die nicht nur arbeitsbezogen sind, sondern explizit das Wohlbefinden zum Thema haben. Fragen wie „Was kostet Sie im Moment am meisten Energie?“ oder „Wo wünschen Sie sich Unterstützung?“ können dabei auf die richtige Spur führen.
- Beobachtung statt Bewertung: Setzen Sie die Mitarbeitenden nicht unter Druck – auch wenn in letzter Zeit nicht alles reibungslos ablief. Anstatt „Sie wirken in letzter Zeit unzuverlässig.“ ist „Mir ist aufgefallen, dass einige Aufgaben zuletzt schwerer umzusetzen waren – wie geht es Ihnen damit?“ ein besserer Einstieg ins Gespräch.
- Kamera-Regeln: Vereinbaren Sie, Kameras in Meetings anzulassen, um Mimik und Gestik (und damit den Gemütszustand) besser deuten zu können. Zudem lässt sich hier beobachten, ob der Mitarbeitende auf sein Auftreten achtet oder äußerlich vernachlässigt wirkt, was ein typisches frühes Anzeichen einer angehenden mentalen Erschöpfung sein kann.
- Offene Kommunikationskultur: Signalisieren Sie, dass mentale Gesundheit Priorität hat und "Schwäche" kein Tabu ist.
- Vorbildfunktion: Achten Sie auf eigene Pausen und senden Sie keine E-Mails außerhalb der Arbeitszeiten, um gesunde Grenzen vorzuleben.
- Sensibilisierung: Achten Sie auf Hinweise auf "Workahomeism" – das Arbeiten trotz Krankheit im Homeoffice, um eine Chronifizierung von Beschwerden zu verhindern.
Mentale Erste Hilfe im Führungsalltag
Ansätze aus der Präventionsarbeit lassen sich sehr gut auf das "Führen aus der Ferne" anwenden. Die Arbeit unserer Ausbildung zum Mentalen Ersthelfer (MEA) lehrt hierzu das Handeln in fünf Schritten:
- H wie Hinsehen: Veränderungen aktiv wahrnehmen und dabei die „drei As“ beachten (Ansprechen, Analysieren, Auffangen)
- I wie Initiieren: Gespräche behutsam angehen, interessiert und wertfrei zuhören
- L wie Liefern: Liefern Sie Information und geben Sie Orientierung
- F wie Fördern: Bieten Sie Unterstützung an
- E wie Ermutigen: auf Selbsthilfe verweisen und ggf. an fachliche Hilfe vermitteln
MEA: Unterstützung für Führungskräfte
Was bedeutet MEA und wieso kann eine Ausbildung zum mentalen Ersthelfer hier wichtig sein? Mentale Erste Hilfe beschreibt die Unterstützung von Menschen, die Anzeichen einer psychischen Belastung oder Erkrankung zeigen. Sie funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie die körperliche Erste Hilfe: Wenn jemand stürzt, leisten wir Erste Hilfe, bis professionelle medizinische Unterstützung übernimmt. Genauso können Mentale Ersthelfer:innen einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Betroffene wahrnehmen, ansprechen, zuhören und ihnen Informationen über Hilfsangebote geben. Hier geht es direkt zu unserer MEA-Ausbildung.