Mit unserem Reiseprojekt auf Tour

Mit unseren Gedankenreisen in Pflegeeinrichtungen zu kommen, ist immer wieder ein besonderes Ereignis. Wir bringen Erinnerungen, Gefühle und Gespräche mit.

von Ann-Christin Ullrich - mit Maximilian Eifert

Mit unseren Gedankenreisen im Gepäck auf Tour

„Guten Tag, sind Sie von der Fußpflege?“- diese Frage höre ich erstaunlich oft, wenn ich mit meinem großen silbernen Koffer durch die Flure von Pflegeheimen oder Tagespflegen gehe. Und ehrlich gesagt: Ich kann es niemandem verdenken. Der Koffer wirkt mit seinem blickdichten Gehäuse und seinem silbernen Rahmen geheimnisvoll und mysteriös.
Was sich darin verbirgt, überrascht dann aber doch fast alle: eine Brille, die alte Erinnerungen wieder zum Leuchten bringt. Eine VR-Brille, die Menschen ermöglicht, Orte zu besuchen, die sie vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Oder die sie nie besuchen konnten. Eine Brille, die Gefühle weckt, die lange verschüttet waren.

Sobald die VR-Brille aufgesetzt ist, tauchen die Teilnehmenden in eine andere Welt ein. Mit einem 360-Grad-Erlebnis können sie aus über 120 real gefilmten Reisezielen wählen – vom Meeresrauschen auf der Insel Sylt bis zum Tauchgang mit Delfinen. Die Filme dauern 10 bis 15 Minuten, wechseln langsam die Szenen und werden von einer ruhigen Stimme begleitet. Perfekt für einen kleinen Ausflug, der sich sicher und geborgen anfühlt.

Anfängliche Skepsis

„Was ist das denn für ein komisches Ding?“ – verfliegt meist in Sekunden, sobald die Teilnehmer:innen plötzlich bei strahlendem Sonnenschein am Schiffsanleger der Blumeninsel Mainau stehen und leise staunen: „Ohhh… ist das schön!“. Diese Momente zaubern auch mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht und lassen mich wissen: Ich bin hier absolut richtig.
Immer wieder werde ich gefragt: „Warum machen Sie das? Kostet mich das etwas?“ Die Antwort ist einfach – und gleichzeitig so bedeutsam: „Für Sie ist das kostenlos. Die Krankenkasse fördert dieses Projekt, weil wir damit Ihr Wohlbefinden und Ihre mentale Gesundheit stärken möchten.“

Mentale Gesundheit im Alter wird oft unterschätzt

Wenn körperliche Einschränkungen zunehmen und die Möglichkeiten zur Teilhabe wegfallen, bröckelt für viele auch ein Stück Identität. Reisen – früher für viele ein Highlight voller Freiheit, Entdeckung und Leichtigkeit – sind dann oft nicht mehr möglich. Und genau hier setzt die VR-Brille an: Wir bringen die Reise zu den Menschen. Wir bringen das Gefühl zurück, unterwegs zu sein. Wir bringen Emotionen zurück.
Und das wirkt. Ich habe schon die lebendigsten Reaktionen erlebt: – Eine Dame, die im Rollstuhl sitzt, beginnt plötzlich „loszufahren“, während der Pfleger sie lachend durch den Raum schiebt. – Eine andere hebt die Füße hoch, weil sie glaubt, die Wellen würden gleich ihre Zehen berühren. – Wieder eine andere streckt die Hand nach Hundewelpen aus, die in der virtuellen Welt vor ihr auf einer Wiese spielen.

Doch auch Wehmut darf ihren Platz finden, denn manchmal berührt eine schöne Erinnerung etwas, das Abschied und Loslassen bedeutet.
Diese Gefühle dürfen sein. Sie brauchen Raum. Und genau hier beginnt unsere Aufgabe: mit einfühlsamer Kommunikation, mit Präsenz, mit echtem Menschsein. Wir halten die Trauer, die sich zeigt, und begleiten den Schmerz, der mit dem Abschied von Liebgewonnenem oder Lebensmöglichkeiten verbunden ist.

Manchmal bedeutet das, einfach still dazusitzen. Manchmal eine Hand zu halten. Manchmal eine Umarmung zu schenken, die Wärme und Halt gibt. In diesen Momenten wird die VR-Reise zu etwas viel Größerem: zu einem sicheren Ort, an dem Erinnerungen – die schönen und die schmerzlichen – ihren Platz finden dürfen und Menschen füreinander da sind.

Nach all den Jahren in diesem Projekt habe ich für mich eine wichtige Erkenntnis gewonnen, die mein persönliches Highlight darstellt: Moderne Technik und Menschen im hohen Alter passen absolut perfekt zusammen. Das verraten mir die strahlenden Augen, die Dankbarkeit und die Geschichten, die mir nach jeder Reise entgegengebracht werden.

Na, selber Lust auf eine Reise bekommen? Mehr Infos dazu gibt es hier.